Lobo und der Gruselfaktor – Ärztetag befasst sich mit der Digitalisierung

Internet-Experte Sascha Lobo beim Ärztetag – „Wenn Sie den Gruselfaktor spüren, spüren ihn die Leute da draußen dreimal“ (© Gebhardt)
Internet-Experte Sascha Lobo beim Ärztetag – „Wenn Sie den Gruselfaktor spüren, spüren ihn die Leute da draußen dreimal“ (© Gebhardt)

Autor und Blogger Sascha Lobo fordert mehr Digitalkompetenz von den Ärzten. Zuallererst sollten sich Praxisinhaber allerdings um „menschenwürdige Webseiten“ kümmern, scherzte der Gastredner beim Ärztetag in Freiburg. Sein humorvoll eingeleiteter Vortrag auf großer Bühne begeisterte jedoch nicht alle Zuhörer. Viele Delegierten, so schien es, wollen nicht recht an die technische Revolution glauben. Dabei hatte sich die Bundesärztekammer alle Mühe gegeben, auf das Zukunftsthema einzustimmen. „Digitalisierung geht nicht mehr weg“, hieß es vorab an die Adresse der Delegierten.

Der Tagesordnungspunkt zur Digitalisierung stand im Freiburger Messezentrum unter keinem guten Stern: Bereits seit der Eröffnung am Vortag gab es erhebliche Probleme mit dem WLAN. Der angeforderte Techniker war nicht erschienen. Lobo musste ohne Internet referieren. Das fiel dem Berliner Blogger nicht schwer. Seine Thesen entfalteten auch offline ihre Wirkung. „Datenbegeisterung hat keine natürlichen Grenzen.“ Die Menschen würden die intimsten Daten teilen, veranschaulichte Lobo am Beispiel einer ganz besonderen Dating-App. Auf Hula können Nutzer ihre Geschlechtskrankheiten angeben und mit Freunden teilen. Mit dem skurrilen Beispiel zerlegte Lobo ein in Ärztekreisen über Jahrzehnte gut gepflegtes Mantra. Im Datenzeitalter müsse man sich schützend vor die Patienten stellen.

KI verstärkt Druck auf die Ärzte

Dennoch sei die Skepsis vieler Mediziner prinzipiell zunächst gut und wichtig. „Wenn Sie den Gruselfaktor spüren, spüren ihn die Leute da draußen dreimal“, zeigte sich der Mann mit dem Irokesenhaarschnitt verständnisvoll. Bereits heute und noch vielmehr mit der Zunahme von Computerprogrammen mit künstlicher Intelligenz („das nächste große Schlachtfeld“), nehme der Druck auf die Ärzte zu. Deren Aufgabe sei es daher, mahnte Lobo, die digitale Zukunft mitzugestalten: „Wenn die Patienten mit all ihren gesammelten Daten in die Praxis kommen, müssen Sie mit diesen Daten umgehen und sie auswerten können.“ Die Konkurrenz gehe viel aggressiver in die Diagnose. Es gebe unzählige neue Mitbewerber. „Hier wird zielgerichtet ein Teil Ihrer Kompetenz abgebildet“, warnte Lobo.

Dabei sehen sich die Ärzte mitunter völlig neuen Herausforderungen ausgesetzt. Immer häufiger kursierten im Internet beispielweise absurd-irrationale Lifestyle-Theorien, die viele Anhänger fänden. „Eine Gruppe veganer Vlogger [gemeint sind Video-Blogger] glaubt an die Menstruationsverschwörung und propagiert bestimmte Diäten“, berichtete der Netzexperte. Auch damit müssten sich die Ärzte wohl oder übel auseinandersetzen.

Zwiegespaltene Reaktion der Delegierten

Die Reaktion auf Lobos Referat fiel zwiegespalten aus. Während einige Delegierte begeistert dafür warben, sich dem Esprit des Vortrags anzuschließen – „Seien wir mutig!“ –, kritisierten andere Lobos Ausführungen als oberflächlich: „Mir fehlt der klinische Nutzen.“ Wieder andere warnten grundsätzlich vor den Gefahren der Digitalisierung – „Die Daten können gegen uns verwendet werden.“ – oder erinnerten an diejenigen, „die die Technik nicht bedienen können.“ Nicht zuletzt wurde auf gescheiterte IT-Projekte im Gesundheitswesen verwiesen: „Die E-Card ist älter als das Smartphone, aber gescheitert.“

Die Kritik nahm Lobo in seinem Schlusswort zur Debatte auf. Er wolle nicht dahingehend missverstanden werden, dass alle nun kopfüber in die Digitalisierung springen müssten. Es gehe im vielmehr darum, „dass eine Basis geschaffen wird, dass alles selbst mitgestaltet wird.“ Dabei lege er besonderen Wert auf das Wort „selbst“. Das hohe Engagement der Ärzte in der Selbstverwaltung gehe mit der Gefahr einher, den „Prägeanschluss“ zu verpassen: „So viel die Selbstverwaltung für die Unabhängigkeit bedeutet, so stark bedeutet sie auch, dass man sich manchmal etwas zu unabhängig von den Bewegungen der restlichen Gesellschaft macht.“